05 · 15
In dem heutigen Blogbeitrag möchte Sibylle Weingart, unsere Lektorin für frankophone Kinder- und Jugendliteratur, etwas von Ihrer Begeisterung für das Buch "Le temps des miracles" - Die Zeit der Wunder von Anne-Laure Bondoux mit Euch teilen. Die Autorin wird mit diesem Buch zu Gast beim White Ravens Festival sein!
Wunder
Ich liebe „Wunder“, außergewöhnliche (positive!) Ereignisse, die allen Regeln und Gesetzen widersprechen. Ich spreche nicht vom Wunderbaren in Märchen und Fantasy. Sondern von Wundern, die in den Alltag einbrechen, alles verändern, retten, zum Guten wenden.
Von solchen, kleinen wie großen Wundern, im Leben des unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingskinds Koumail erzählt der Roman der französischen Autorin Anne-Laure Bondoux „Le temps des miracles“.
Beim Lesen werden wir sofort hineingezogen in die Kette wunderbarer Begebenheiten, an der viele - und immer wieder andere - Menschen mitwirken, ohne das oft selbst zu ahnen.
Ein minderjähriges Flüchtlingskind namens Koumail überlebt die Kriegswirren in seiner Heimat Kaukasus, übersteht, ohne Schaden zu nehmen, Gefahr, Gewalt, Hunger, Armut, Ungewissheit, Verluste, Trennungen (am Ende ist er ohne jede Begleitung) und das ganze Elend der Flucht.
Und – auch das ein Wunder! - er scheitert auch nicht am Ende seines Weges in der Maschinerie der Flüchtlingsgesetze und dem Labyrinth der Flüchtlingseinrichtungen im Aufnahmeland Frankreich.
Wer hilft ihm dabei?
Wer unterstützt ihn oder lehrt ihn die entscheidenden Dinge: die Kunst des Optimismus, die Widerstandskraft, sein Gesicht der Sonne zuzuwenden und die Schatten hinter sich fallen zu lassen?
Wie bewahrt er unter den schwierigsten Bedingungen seine physische und psychische Kraft und wächst an Situationen, an denen andere zerbrechen?
Wie kommt er schließlich in Frankreich, im Land seiner Sehnsucht zurecht, obwohl er bald von vielen Illusionen Abstand nehmen muss und schafft es, sich dort trotz aller Schwierigkeiten ein neues Leben aufzubauen?
Koumails Flucht gelingt.
Viele Fluchtgeschichten enden anders.
Von den circa 43 Millionen Menschen, die sich weltweit auf der Flucht befinden, sind etwa die Hälfte Kinder und Jugendliche.
21, 5 Millionen Kinder und junge Menschen also, die ihre ganze Kindheit ähnlich wie Koumail in dieser Geschichte verbringen: sie leben in Behelfsbehausungen, in totaler Ungewissheit und Schutzlosigkeit, in Verstecken, in Situationen von Krieg und Gewalt.
Viele von ihnen überleben die Flucht nicht, werden abgeschoben oder müssen in die unerträglichen Lebensbedingungen, vor denen sie geflohen sind, erneut zurückkehren.